Protest - 2 - Anfang Juli 2004

Löschung der Wassermühlen*-Geschichte - Protestaktion

* „Wassermühle/n“ oder „Mühle/n“ steht hier in erster Linie als Synonym für alle kleineren Objekte mit Wasserrad oder Turbine

Sehr geehrte Damen und Herren, 
liebe Mühlenfreundinnen und Mühlenfreunde,

Wasser- oder Wind-Müller, in NRW, dem übrigen Deutschland oder dem Ausland.

Zur Umsetzung der Europäischen Wasserrahmen-Richtlinie (WRRL) hat die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen - die anderen Bundesländer werden wohl bald folgen - im Mai d.J. einen Gesetzesentwurf für ein neues Landeswassergesetz (LWG) - „Entwurf eines Gesetzes zur Änderung wasser- und wasserbandsrechtlicher Vorschriften“ - nebst Begründung vorgelegt.

Erlangt dieser Entwurf Gesetzeskraft, dann ist es vorbei mit sichtbarer Wassermühlen-Geschichte in Nordrhein-Westfalen, in Deutschland, in Europa. Soweit darf es nicht kommen!

Die Urheber des Gesetzes sind Ignoranten. Ihre Vorstellungen sind nur vergleichbar mit dem Bildersturm der Protestanten z.Z. der Reformation Mitte des 16. Jahrhunderts, der Kulturrevolution Mao Tse-tungs 1966-1969 und dem Vorgehen der Taliban in Afghanistan, die im März 2001 zwei Drittel der Statuen des Landes vernichteten. Vor allem die Zerstörung von zwei der weltgrößten Buddha-Statuen in Bamyan - eine 53 m hoch, die andere 38 m - löste in der „zivilisierten“ Welt große Empörung aus.

Wie bei Gesetzen so üblich wird nicht immer Klartext geredet, sondern verklausuliert formuliert.
§ 30 beinhaltet - grob gesagt - folgendes: Wird ein Wassertriebwerk über den Zeitraum von 3 Jahren nicht genutzt, dann sind die Wasserbauwerke zu entfernen.

Im neuen § 31a - Gewässerbenutzung zur Erzeugung erneuerbarer Energien - wird das angestrebte Ziel klar: Naturschutz - freies Schwimmen für Fische!

Naturschutz hat zu Recht einen hohen Stellenwert, aber es ist reine Utopie und Ideologie zu glauben, man könne den „Urzustand“ wiederherstellen. Im Falle Wassermühlen hieße dies überspitzt: Zurück zu Zeiten Karls des Großen!

Es steckt eine Menge Ignoranz in dem Gesetzeswerk. Die Urheber haben offensichtlich keine Ahnung von der Bedeutung der Wassermühlen und ihrer Fortentwicklung zu universellen Arbeitsstätten, wo Wasserräder ab dem Mittelalter Maschinen aller Art antrieben und den Fortschritt beförderten.

Mancher Großkonzern der Montanindustrie - wenn auch inzwischen infolge der „Globalisierung“ verschwunden - hatte seinen Ursprung in einem Hammerwerk an kleinen Bächen in Eifel, Siegerland oder Bayrischem Wald. Nie hätte es die Solinger Messer- und Scherenindustrie mit Weltgeltung ohne die zahllosen Hämmer und Schleifkotten an den Bächen des Bergischen Landes gegeben. Wie hätte man die Silberschätze von Harz und Erzgebirge heben können, ohne die riesigen Kunst- und Kehrräder? „Mit des Wassers Macht“ wurde in Salinen Sole auf die Gradierwerke gepumpt, um Salz zu gewinnen, und in Papiermühlen wurde das Material erzeugt, auf welchem unsere Altvorderen die Geschehnisse und Kenntnisse ihrer Zeit aufzeichneten. Schließlich wurde mittels Wasserrädern Trinkwasser in höhergelegene Orte gepumpt oder in fürstlichen Residenzen Wasserspiele betrieben. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen - und ist nicht nur für Deutschland typisch!

Die sowieso nur relativ spärlich überkommenen zugehörigen Wasserbauwerke - Wehre, Gräben, Schütze und Teiche -, sind Zeugnisse damaliger Hochtechnologie und unserer Geschichte. Während Bauwerke der oben genannten Art vielerorts unter Schutz gestellt und enorme Summen für die Restaurierung aufgewendet wurden und noch werden - „um Geschichte zu bewahren“ -, hat sich kaum jemand um den Schutz der Wasserbauwerke gekümmert. Ein Fehler, der sich jetzt rächt.

Außerdem übersieht man - oder weiß es nicht -, daß sich in und an vielen Mühlgräben schützenswerte Biotope mit tlw. ortsspezifischer Flora und Fauna gebildet haben. Wenn schon in NRW fast jeder Tümpel, der per Zufall entstanden ist und an dem sich x-beliebige Feld-, Wald- und Wiesenpflanzen angesiedelt haben, unter Naturschutz gestellt wird, dann verwundert die ungleiche Behandlung schon sehr!

Was nun die Fische anbelangt: Die Wasserbauwerke der Mühlen sind gewiß nicht die Ursache für den Rückgang des Fischaufkommens in kleineren Gewässern. Auch wenn die Lobby der Sportangler dies immer zu suggerieren versucht und verbissen für deren Beseitigung kämpft. Aber wer immer nur in Fischaugen starrt, dem geht der Blick auf das große Ganze verloren! Denn aus der Literatur ist bekannt, daß die Müller vielfach die Fischgerechtsame hatten und an vielen oberschlächtigen Mühlen sogen. „Aalfangkästen“ vor den Wasserrädern montiert waren, wo die hineingespülten Fische entnommen werden konnten.

Die Ursachen für die Fischarmut sind andere: Zur Zeit des „Wirtschaftswunder“ in den 1950er Jahren wurden Fabrik- und Haushaltsabwässer in bislang nicht vorgekommenen Mengen ungeklärt in Bäche und Flüsse geleitet, giftige Schwermetalle lagerten sich in den Flußbetten ab, kleinere Gewässer verkamen zu regelrechten Kloaken. Schwimmen im Rhein z.B. führte zu Hautausschlägen und spätestens Ende der 1950er Jahre setzte hier das große Fischsterben ein. Bei Spaziergängen am Fluß stieß man immer wieder auf Dutzende verendeter Aale und andere Fische. Der Bau ausreichender Kläranlagen zog sich bis in die 1980er hin, erst danach erholten sich Flora und Fauna der Gewässer allmählich. Jede Fischart, die wieder auftauchte, wurde mit lautem Jubel begrüßt - bis zum nächsten Chemieunfall.

Der Maifisch, eine Heringsart, ist übrigens bislang nicht in den Rhein zurückgekehrt. Früher - bis der Fluß nachhaltig versaut wurde - zog er im Frühjahr zum Laichen flußaufwärts und wurde in nicht unbeträchtlichen Mengen gefangen. „Zum Maifisch-Essen gehen“ war z.B. in Köln alte Tradition. Serviert wurde er in den zahlreichen Brauhäusern (Kölsch) oder speziellen Fischhäusern, die ganzjährig Rheinfisch anboten.

1964 wurde die Kanalisierung der Mosel - 14 Staustufen mit integrierten E-Werken, aber ohne Fischtreppen - abgeschlossen. Seit einigen Jahren versucht man hier, den Salm (Lachs) wieder heimisch zu machen, eine umständliche und teure Prozedur. Aus Fischeiern Jungfische heranziehen, in geeigneten! Nebenzuflüssen aussetzen, bei der Wanderung ins Meer vor den Staustufen abfangen und in Koblenz - nach der letzen Staustufe - in den Rhein kippen. Bei der Rückkehr des Salms die gleiche Prozedur, nur umgekehrt.

Der menschliche Geist arbeitet ohne Unterlaß, und besonders kreative Köpfe hatten eine fabelhafte Idee: Flußautobahnen, auf kürzestem Wege von A nach B, „Flußbegradigung“ genannt. Es konnte und durfte nicht sein, daß Bäche und Flüsse einfach so durch die Gegend mäanderten! Die Folge: Hohe Fließgeschwindigkeiten, keine Ruhezonen mehr und folglich auch keine Laichplätze für die Fische! Rückbauten sind teilweise erfolgt oder im Gange, die totale Rückgängigmachung dieser Idiotie - wegen zwischenzeitlich erfolgter „Baumaßnahmen“ auch nicht möglich - würde Milliarden kosten. Steuergelder, versteht sich! Die weiteren Negtivfolgen - in Verbindung mit dem Ausbau der Wirtschaftswege zu befestigten Straßen - sind bekannt: Oft und schnell aufkommende und verheerende Hochwasser!

Die Hochleistungs-Landwirtschaft konnte und kann sich Unkräuter, Schädlinge und was es sonst noch so alles gibt, nicht erlauben. Die Chemie hilft mit Pestiziden, Fungiziden und -ziden sonstiger Art. Ein Cocktail, den Fische gar nicht mögen, gelangt er ins Wasser. Auch die stinkende Brühe namens Gülle, von der Jahr für Jahr -zig Tonnen auf Felder und Wiesen gekippt werden, mögen sie nicht so gerne.

Spricht man Politiker auf solche Fakten an, dann heißt es: „Wir tun doch schon eine ganze Menge, aber da spielen ja auch wirtschaftliche Zwänge eine Rolle“, oder so ähnlich. Und um zu demonstrieren, daß man „etwas tut“, müssen jetzt wohl die Mühlen herhalten. Da stört wenigstens keine Lobby das unsinnige Treiben - hoffen scheinbar gewisse Politiker.